Jüdisches Poker

In der vorangegangenen Skizze habe ich dem Leser einen kleinen Geschmack der chauvinistischen Atmosphäre vermittelt, die in Israel herrscht und die nicht scharf genug verurteilt werden kann. Um ihn mit einem anderen Aspekt der jüdischen Mentalität vertraut zu machen, berichte ich nunmehr von einer Pokerpartie, die ich eines schläfrigen Nachmittags mit meinem Freund Jossele hatte 1. Sie wird dem Leser tiefere Kenntnisse über die jüdische Seele beibringen als sämtliche Nahostkommentare der National Broadcasting Company.
Wir waren schon eine ganze Weile lang am Tisch gesessen und hatten wortlos in unserem Kaffee gerührt. Jossele langweilte sich.
"Weißt du was?" sagte er endlich. "Spielen wir Poker!"
"Nein", sagte ich. "Ich hasse Karten. Ich verliere immer."
"Wer spricht von Karten? Ich meine jüdischen Poker." Jossele erklärte mir kurz die Regeln. Jüdisches Poker wird ohne Karten gespielt, nur im Kopf, wie es sich für das Volk des Buches ziemt.
"Du denkst dir eine Ziffer, und ich denk mir eine Ziffer", erklärte mir Jossele. "Wer sich die höhere Ziffer gedacht hat, gewinnt. Das klingt sehr leicht, aber es hat viele Fallen. Nu 2?
"Einverstanden", sagte ich. "Spielen wir."
Jeder von uns setzte fünf Piaster ein, dann lehnten wir uns zurück und begannen uns Ziffern zu denken. Alsbald deutete mir Jossele durch eine Handbewegung an, daß er seine Ziffer gefunden hätte. Ich bestätigte, daß auch ich so weit sei.
"Gut", sagte Jossele. "Laß deine Ziffer hören."
"11", sagte ich.
"12", sagte Jossele und steckte das Geld ein. Ich hätte mich ohrfeigen können. Denn ich hatte zuerst 14 gedacht und war erst im letzten Augenblick auf 11 heruntergegangen, ich weiß selbst nicht warum.
"Höre", sagte ich zu Jossele. "Was wäre geschehen, wenn ich 14 gedacht hätte?"
"Dann hätte ich verloren. Das ist ja der Reiz des Pokerspiels, daß man nie wissen kann, wie es ausgeht. Aber wenn deine Nerven fürs Hasardieren zu schwach sind, dann sollten wir vielleicht aufhören."
Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, legte ich zehn Piaster auf den Tisch. Jossele tat desgleichen. Ich dachte sorgfältig über meine Ziffer nach und kam mit 18 heraus.
"Verdammt", sagte Jossele. "Ich hab nur 17."
Mit zufriedenem Lächeln strich ich das Geld ein. Jossele hatte sich wohl nicht träumen lassen, daß ich mir die Tricks des jüdischen Pokers so rasch aneignen würde. Er hatte mich wahrscheinlich auf 15 oder 16 geschätzt, aber bestimmt nicht auf 18. Jetzt, in seinem begreiflichen Ärger, schlug er eine Verdoppelung des Einsatzes vor.
"Wie du willst", sagte ich und konnte einen kleinen Triumph in meiner Stimme nur mühsam unterdrücken, weil ich mittlerweile auf eine phantastische Ziffer gekommen war: 35!
"Komm heraus", sagte Jossele.
"35!"
"43!"
Damit nahm er die vierzig Piaster an sich. Ich fühlte, wie mir das Blut zu Kopf stieg. Meine Stimme bebte:
"Darf ich fragen, warum du vorhin nicht 43 gesagt hast?" "Weil ich mir 17 gedacht hatte", antwortete Jossele indigniert. "Das ist ja eben das Aufregende an diesem Spiel, daß man nie -"
"Ein Pfund", unterbrach ich trocken und warf eine Banknote auf den Tisch. Jossele legte seine Pfundnote herausfordernd langsam daneben. Die Spannung wuchs ins Unerträgliche.
"54", sagte ich mit gezwungener Gleichgültigkeit.
"Zu dumm!" fauchte Jossele. "Auch ich hab mir 54 gedacht. Gleichstand. Wir müssen noch einmal spielen."
In meinem Hirn arbeitete es blitzschnell. Du glaubst wahrscheinlich, daß ich wieder mit 11 oder etwas Ähnlichem herauskommen werde, mein Junge! dachte ich. Aber du wirst eine Überraschung erleben... Ich wählte die unschlagbare Ziffer 69 und sagte, zu Jossele gewendet:
"Jetzt kommst einmal du als erster heraus, Jossele."
"Bitte sehr." Mit verdächtiger Eile stimmte er zu. "Mir kann's recht sein. 70!"
Ich mußte die Augen schließen. Meine Pulse hämmerten, wie sie seit der Belagerung von Jerusalem nicht mehr gehämmert hatten.
"Nu?" drängte Jossele. "Wo bleibt deine Ziffer?"
"Jossele", flüsterte ich und senkte den Kopf. "Ob du's glaubst oder nicht: ich hab sie vergessen."
"Lügner!" fuhr Jossele auf. "Du hast sie nicht vergessen, ich weiß es. Du hast dir eine kleinere Ziffer gedacht und willst jetzt nicht damit herausrücken! Ein alter Trick! Schäm dich!"
Am liebsten hätte ich ihm die Faust in seine widerwärtige Fratze geschlagen. Aber ich beherrschte mich, erhöhte den Einsatz auf zwei Pfund und dachte im gleichen Augenblick "96"- eine wahrhaft mörderische Ziffer.
"Komm heraus, du Stinktier!" zischte ich in Josseles Gesicht.
Jossele beugte sich über den Tisch und zischte zurück:
"1683!"
Eine haltlose Schwäche durchzitterte mich.
"1800", flüsterte ich kaum hörbar.
"Gedoppelt!" rief Jossele und ließ die vier Pfund in seiner Tasche verschwinden.
"Wieso gedoppelt? Was soll das heißen?!"
"Nur ruhig. Wenn du beim Poker die Selbstbeherrschung verlierst, verlierst du Hemd und Hosen", sagte Jossele lehrhaft.
"Jedes Kind kann dir erklären, daß meine Ziffer als gedoppelte höher ist als deine. Und deshalb -"
"Genug!" schnarrte ich und schleuderte eine Fünfpfundnote auf den Tisch. "2000!"
"2417!"
"Gedoppelt!" Mit höhnischem Grinsen griff ich nach dem Einsatz, aber Jossele fiel mir in den Arm.
"Redoubliert!" sagte er mit unverschämtem Nachdruck, und die zehn Pfund gehörten ihm. Vor meinen Augen flatterten blutigrote Schleier.
So einer bist du also", brachte ich mühsam hervor. "Mit solchen Mitteln versuchst du mir beizukommen! Als hätte ich's letztenmal nicht ganz genauso machen können."
"Natürlich hättest du's ganz genauso machen können", bestätigte mir Jossele. "Es hat mich sogar überrascht, daß du es gemacht hast. Aber so geht's im Poker, Jachabibi 3. Entweder kannst du es spielen, oder du kannst es nicht spielen. Und wenn du es nicht spielen kannst, dann laß die Finger davon."
Der Einsatz betrug jetzt zehn Pfund.
"Deine Ansage, bitte!" knirschte ich.
Jossele lehnte sich zurück und gab mit herausfordernder Ruhe seine Ziffer bekannt: "4"
"100 000!" trompetete ich.
Ohne das geringste Zeichen von Erregung kam Josseles Stimme: "Ultimo!" Und er nahm die zwanzig Pfund an sich. Schluchzend brach ich zusammen. Jossele strich mir tröstend über den Scheitel und belehrte mich, daß nach dem sogenannten Hoyleschen Gesetz derjenige Spieler, der als erster "Ultimo" ansagt, auf jeden Fall und ohne Rücksicht auf die Ziffer gewinnt. Das sei ja gerade der Spaß im Poker, daß man innerhalb weniger Sekunden-
"Zwanzig Pfund!" Aufwimmernd legte ich mein letztes Geld in die Hände des Schicksals.
Josseles zwanzig Pfund lagen daneben. Auf meiner Stirn standen kalte Schweißperlen. Ich faßte Jossele scharf ins Auge. Er gab sich den Anschein völliger Gelassenheit, aber seine Lippen zitterten ein wenig, als er fragte: "Wer sagt an?"
"Du", antwortete ich lauernd. Und er ging mir in die Falle wie ein Gimpel.
"Ultimo", sagte er und streckte die Hand nach dem Goldschatz aus.
Jetzt war es an mir, seinen Griff aufzuhalten. "Einen Augenblick", sagte ich eisig. "Ben Gurion!" Und schon hatte ich die vierzig Pfund bei mir geborgen. "Ben Gurion ist noch stärker als Ultimo", erläuterte ich. "Aber es wird spät. Wir sollten Schluß machen, Jachabibi." Schweigend erhoben wir uns. Ehe wir gingen, unternahm Jossele einen kläglichen Versuch, sein Geld zurückzubekommen. Er behuptete, das mit Ben Gurion sei eine Erfindung von mir. Ich widersprach ihm nicht. Aber, so sagte ich, darin besteht
ja gerade der Reiz des Pokerspiels, daß man gewonnenes Geld niemals zurückgibt.

1 Jossele ist kein direkt hebräischer Name, aber ich möchte keinem Unschuldigen die zungenbrecherische Korrektheit der hebräischen Nomenklatur aufbürden.
2 Die Interjektion "Nu", die ungefähr dem englischen "well" entspricht, spielt im Hebräischen die Rolle des Jolly Joker. Einer oberflächlichen Statistik zufolge hat "Nu" 680 verschiedene Bedeutungen, je nach dem Stand des Gesprächs, dem Gesichtsausdruck des Sprechers und der Tageszeit. Hier folgen, wahllos herausgegriffen, einige dieser Bedeutungen:
"Komm schon!"
"Was ist los?"
"Laß mich in Ruhe."
"Ich habe kein Wort verstanden. Was willst du eigentlich?"
"Schön. Nehmen wir an, es ist so, wie du sagst. Ich gebe das nicht
vielleicht zu, ich sage nur: nehmen wir an. Aber deshalb brauchst
du nicht gleich zu schreien, du Idiot."
3 Jachabibi ist der arabische Ausdruck für "alter Junge" und wird als Anrede unter sehr vertrauten Freunden gebraucht, oder von völlig Fremden auf der Straße, oder von Schulkindern in der Schule, oder von Regierungsmitgliedern bei stürmischen Kabinettsitzungen.

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