Kishon
Der Blaumilchkanal
Der Blaumilchkanal
Den Einwohnern Israels ist eine gefährliche Manie gemeinsam: sie wollen unbedingt das Land aufbauen. Aber da die Juden bekanntlich ein arbeitsscheues Volk sind, bauen sie zum Beispiel in drei Tagen ein Haus fertig, um den Rest der Woche faulenzen zu können. Sollte sich ein Leser auf Grund der Lektüre dieses Buchs zu einem Besuch des Staates Israel entschließen, so wird er dort mit eigenen Augen sehen, daß wir an einem chronischen, unheilbaren Baufieber leiden. Niemand wundert sich, wenn irgendein Narr sich's in den Kopf setzt, mitten in der Wüste eine Stadt zu errichten. Wir haben sogar eine ganz hübsche Anzahl solcher Narren. Und folglich eine ganz hübsche Anzahl von Städten mitten in der Wüste. Bevor ich nunmehr auf den Blaumilch-Kanal zu sprechen komme - so genannt nach seinem Erbauer Kasimir Blaumilch, einem ehemaligen Insassen der Einzelzelle Nr. 7 in Bath Jam -, muß ich den Leser noch mit ein paar einschlägigen Informationen versehen.
In Bath Jam befindet sich eine Irrenanstalt, und es ist keine geringe Leistung, dort Aufnahme zu finden. Wenn anderswo ein Mensch plötzlich zu gackern beginnt, nimmt man an, daß er den Verstand verloren hat. In Israel nimmt man an, daß er ein Neueinwanderer aus der südlichen Mandschurei ist, der sich in seiner Muttersprache verständlich zu machen sucht. Und wenn er sich Spinat ins Gesicht schmiert, darf man die Möglichkeit nicht ausschließen, daß es sich hier um eine alte bolivianische Volkssitte handelt. Ein Wahnsinniger muß schon etwas wirklich Erstklassiges bieten, um in Israel aufzufallen. So saß ich einmal nichtsahnend am sonnigen Mittelmeerstrand und freute mich der kühlen Brise, als ich plötzlich durch einen schielenden, unrasierten, aber keineswegs ungemütlich aussehenden Menschen aus meinen Träumen geschreckt wurde. Er bat zuerst um die Erlaubnis, sich neben mir niederlassen zu dürfen, und sprach sodann wie folgt:
"Es tut mir leid, daß ich Sie belästigen muß, mein Herr - aber ich brauche dringend zehn Pfund."
Einigermaßen nervös beg ehrte ich zu wissen, auf welchen Artikel welcher Verfassung sein Anspruch sich stützte. Mein Besucher nickte verständnisvoll und gab mir bereitwillig Auskunft: "Ich bin geisteskrank, mein Herr", sagte er mit ruhiger, vertrauenerweckender Stimme. "Sie als intelligenter Mensch werden zweifellos wissen, was das bedeutet. Nach den Gesetzen dieses Landes könnte ich Ihnen jetzt ohne weiteres die Kehle durchschneiden, oder Sie erwürgen, oder, wenn mein krankhafter Instinkt mich dazu lockte, Hackfleisch aus Ihnen machen. Was würde mir geschehen? Nichts würde mir geschehen. Schlimmstenfalls brächte man mich in das Irrenhaus zurück, aus dem ich - dank der verbrecherischen Nachlässigkeit meines Wärters - vor zwei Tagen entsprungen bin. Wünschen Sie die notariell beglaubigten Photokopien meiner Krankheitsurkunden zu sehen? Hier sind sie."
Die Papiere meines neuen Freundes waren vollkommen in Ordnung. Auch machte er durchaus den Eindruck eines seriösen, nüchternen Geschäftsmannes, der nicht nur so daherschwätzt, sondern jedes Wort sorgfältig überlegt.
"Nun? Worauf warten Sie?" fragte er, wobei in seinen Augen ein verräterisch fiebriger Glanz aufzuckte. "Haben Sie im Leben so wenig Unannehmlichkeiten, daß Sie sich jetzt noch künstlich eine weitere zuziehen wollen? Wegen lumpiger zehn Pfund? Glauben Sie mir, mein Herr: es ist nicht der Mühe wert. Ich möchte die Sache viel lieber ohne Exzeß erledigen. Aber wenn Sie mich zwingen ... Ich zähle jetzt bis drei. Bei drei, das sage ich Ihnen aus Erfahrung, wird mein Mund zu schäumen beginnen, und ich werde jede Kontrolle über mich verlieren. Und dann, mein Herr, gnade uns Gott. Also: eins - zwei -" "Einen Augenblick", unterbrach ich ihn. "Ich fühle mich verpflichtet, Sie auf einen Umstand hinzuweisen, der sich notwendigerweise Ihrer Kenntnis entzieht. Ich selbst bin nämlich auch nicht ganz normal. Unter uns - und wir sind ja zum Glück allein -: ich bin ein behördlich anerkannter Irrer und besitze die Diplome zweier führender europäischer Institute. Ich laufe mit Vorliebe Amok, auch über längere Strecken. Als Spezialität betreibe ich die Vivisektion meiner Opfer. Das liegt bei uns in der Familie, wissen Sie. Deshalb habe ich auch stets ein rostiges Küchenmesser bei mir. Ich trage es hier unterm Hemd, für alle Fälle. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben."
Mein Besucher erbleichte. Ich hatte sichtlich Eindruck auf ihn gemacht. Als ich die Hand wie von ungefähr unter mein Hemd schob, stieß er einen heiseren Schrei aus und enteilte mit großen Sätzen.
Auch ich erhob mich, schlenderte gemächlich zur Autobusstation, trieb die Wartenden mit einem scharfen "Platz da, ich bin verrückt!" zur Seite und stieg ein, ohne auch nur eine Sekunde mit Schlangestehen verloren zu haben . .. Was nun also den vorerwähnten Kasimir Blaumilch betrifft, so war er ein fünfundvierzigjähriger, stellungsloser Okarinaspieler und befand sich, wie schon gesagt, in der Einzelzelle Nr. 7 in Bath Jam. Er hatte gerade einen Tobsuchtsanfall erlitten, weil ihm der Schuhlöffel, mit dem er sich einen Schacht in die Freiheit graben wollte, vom Wärter beschlagnahmt worden war. Blaumilch galt als hoffnungsloser Fall. Seine geistige Umnachtung hatte vor ungefähr Jahresfrist eingesetzt, als ihm die israelischen Behörden mit der Begründung, daß er geistesgestört sei, das Ausreisevisum verweigerten 1 Seit damals versuchte der völlig zerrüttete Mann immer wieder, unterirdische Gänge zum Meer zu graben.
Nach seinem vom Verlust des Schuhlöffels ausgelösten Tobsuchtsanfall beruhigte sich Blaumilch allmählich, wartete das Dunkel der Nacht ab, öffnete seine Zellentür und entwich. Er erreichte noch ganz knapp den Autobus nach Tel Aviv und begab sich dortselbst schnurstracks zum Solel-Boneh-Warenhaus, in das er unbemerkt hineinschlüpfte. Das geschah am Mittwoch.
Donnerstag kam der Verkehr an der Kreuzung Allenby Road und Rothschildboulevard 2 in aller Frühe zum Stillstand. Noch im Morgendämmer war in der Mitte der Straße ein Zelt errichtet worden, und vier verrostete, in weitem Quadrat aufgestellte Öltrommeln zeigten an, daß Straßenarbeiten im Gang waren. Um 6 Uhr erschien ein Straßenarbeiter mittleren Alters, der einen fabriksneuen pneumatischen Drillbohrer hinter sich herschleppte. Um 6.30 Uhr zog er mit diesem Bohrer zwei fußtiefe, einander überschneidende Gräben durch das Pflaster, und zwar dergestalt, daß sie die vier Ecken der Straßenkreuzung durch ein "X" miteinander verbanden. Um 7 Uhr ging er zum Frühstück.
Um 10 Uhr war das Chaos nicht mehr zu überbieten. Die Ketten der wild hupenden Autos reichten bis in die Außenbezirke Tel Avivs. Berittene Polizisten, nach allen Seiten Befehle brüllend, sprengten umher, aber auch sie wurden vom höllisch siedenden Durcheinander verschlungen.
Zu Mittag erschien der Polizeiminister, beauftragte die zweiundzwanzig höchstrangigen unter den anwesenden Polizeioffizieren, um jeden Preis die Ordnung wiederherzustellen, und machte sich zornbebend auf den Weg zum Rathaus - selbstverständlich zu Fuß, denn es verkehrten längst keine Autobusse mehr.
Alle verfügbaren Ambulanzen und Löschwagen der städtischen Feuerwehr wurden zum Einsatz beordert und versuchten gemeinsam einen Durchbruch. Der Versuch scheiterte. Ein einziger behielt in diesem ganzen unbeschreiblichen Durcheinander den Kopf oben: der Mann, der die Straßenarbeiten durchführte. "Tatatata" machte der Drillbohrer in Kasimir Blaumilchs starken Händen, während er sich langsam, aber sicher die Allenby Road entlanggrub, in der Richtung zum Meer.
Der Polizeiminister traf den Leiter der städtischen Straßenbauabteilung, Dr. Kwibischew, nicht in seinen Amtsräumen an. Dr. Kwibischew war nach Jerusalem gefahren, und sein Vertreter zeigte sich nur mangelhaft informiert. Er versprach jedoch dem Minister, die Straßenarbeiten sofort nach Rückkehr Dr. Kwibischews einstellen zu lassen, und telegraphierte in diesem Sinn nach Jerusalem.
Auch der Bürgermeister hatte Wind von der Sache bekommen und entsandte seinen Sekretär zu sofortigen Nachforschungen an Ort und Stelle. Der Sekretär passierte anstandslos den dreifachen Polizeikordon, trat an den drillbohrenden Arbeiter heran und nützte eine kurze Pause im nervenzermürbenden "Tatatata" zu der Frage aus, wann ungefähr mit der Beendigung der Arbeit zu rechnen sei.
Kasimir Blaumilch gab zuerst keine Antwort. Als er sah, daß er den lästigen Fragesteller auf diese Art nicht loswurde, warf er ihm das einzige hebräische Wort hin, das er kannte: "Chammer 3!"
Gegen Abend gelang es der Polizei, mit übermenschlicher Anstrengung und stellenweise unter Verwendung von Tränengasbomben, eine Art Ordnung in das Chaos zu bringen, ihre berittenen Kollegen und deren Pferde im Zustand völliger Erschöpfung zu bergen und den gesamten Verkehr im Umkreis von zwei Kilometern zu sperren. Das Rathaus und die Direktion des Solel-Boneh-Konzerns wurden hiervon verständigt. Zwei Tage später, sofort nach Erhalt des Telegramms, kehrte Dr. Kwibischew aus Jerusalem zurück und fand seine Amtsräume völlig auf den Kopf gestellt: die Beamtenschaft hatte in den Archiven nach dem Straßenreparaturprojekt "Allenby-Rothschild" geforscht, hatte zwei verschiedene Pläne gefunden und wußte nicht, welcher der richtige war. Dr. Kwibischew ließ sich die Pläne vorlegen, fand in beiden verschiedentliche Mängel des Kloakenwesens erwähnt und leitete die Pläne an die Kanalisationsabteilung weiter, deren Chef sich gerade auf einer wichtigen Mission in Haifa befand. Die Pläne wurden ihm durch einen Sonderkurier nachgeschickt, kamen jedoch unverzüglich mit dem Vermerk zurück, daß es sich hier um einen Irrtum handeln müsse, da Tel Aviv kein nennenswertes Kanalisationssystem besitze.
Nach Dr. Kwibischews Strafversetzung ins Handelsministerium machte sich sein Nachfolger, Chaim Pfeiffenstein, an ein gründliches Studium des ganzen Dossiers, versah es mit einem großen roten Fragezeichen, schickte es ans Arbeitsministerium und wollte wissen, seit wann es üblich sei, daß das Ministerium öffentliche Arbeitsprojekte in Angriff nehme, ohne vorher die Stadtverwaltung zu konsultieren.
Inzwischen hatte sich Kasimir Blaumilch bis zur Rambamstraße durchgegraben, vom unablässigen "Tatatata" seines Drillbohrers und von seinen vier rostigen Öltrommeln getreulich begleitet. Fassungslos sahen die Bewohner der Allenby Road diese einstmals so wichtige Verkehrsader in einen von Makadamschotter übersäten Wüstenpfad verwandelt, auf dem sich selbst die Fußgänger nur mit Mühe fortbewegen konnten (Fahrzeuge überhaupt nicht).
Aber die eigentliche Verkehrskatastrophe trat erst allmählich zutage. Infolge des Wegfalls von Allenby Road und Rothschildboulevard waren die Seitenstraßen einer Überlastung ausgesetzt, der sich nur durch sofortige Verbreiterung beikommen ließ.
Die Regierung legte eine Anleihe auf, um die erforderlichen Geldmittel flüssig zu machen. Und da sich die Verlegung der Autobusremise nach Norden als unaufschiebbar erwies, mußte die Wohnsiedlung "Rabbi Schmuck" in aller Eile geschleift werden.
Chaim Pfeiffenstein, dessen Anfrage vom Arbeitsministerium scharf zurückgewiesen worden war, erstattete dem Bürgermeister Bericht und verlangte sodann von Solei Boneh genaue Auskünfte über das Fortschreiten des Unternehmens. Pjotr Amal, Solei Bonehs Generalmanager für Straßenbauprojekte, ließ keinen Zweifel, daß er der Angelegenheit seine volle Aufmerksamkeit zuwenden würde. Eine Abschrift der gesamten Korrespondenz ging an die Umsiedlungszentrale der Jewish Agency.
Der Vorschlag Pjotr Amals, zwischen Tel Aviv und dem Arbeitsministerium zu vermitteln, fand zwar die Billigung der Histadruthexekutive, wurde aber vom Bürgermeister im Einvernehmen mit den Autobusgewerkschaften abgelehnt, da zuerst die Straßenarbeiten eingestellt werden müßten. Allenby Road war um diese Zeit nicht mehr zu erkennen: zwischen Beton- und Makadamwällen zog sich ein tiefer Graben, von Wolken feinen Staubes überlagert. Aus geborstenen Wasserleitungen schossen gelegentlich hohe Springfontänen empor. Die Wohnhäuser standen leer.
Jetzt, auf dem Höhepunkt der Krise, zeigte sich der politische Weitblick Pjotr Amals. Er lud Chaim Pfeiffenstein zu einer Konferenz, und nach mehrstündigen, erregten Debatten einigte man sich dahin, daß die Straßenarbeiten so lange suspendiert bleiben sollten, bis eine parlamentarische Kommission den Sachverhalt untersucht hätte. Das Kabinett und die Präsident-schaftskanzlei erhielten je ein Memorandum über diese Vereinbaru rung.
Sie war bereits überflüssig geworden. Wenige Tage zuvor hatte Kasimir Blaumilch seine Bohrarbeiten durch eine geniale Linkswendung abgekürzt und erreichte noch am selben Abend die offene See. Was weiter geschah, ist nicht mehr aufregend: das Meerwasser ergoß sich in den vormals als "Allenby Road" bekannten Kanal, und alsbald schäumte es auch an die Ufer des Rothschildboulevards.
Es dauerte nicht lange, bis die Stadt der neuen Möglichkeiten gewahr wurde, die sich da boten, bis die ersten Wassertaxis auftauchten und die ersten Privatmotorboote sich ihnen zugesellten. Neues, pulsierendes Leben griff allenthalben um sich. Die offizielle Inbetriebnahme der Wasserwege erfolgte in feierlicher Weise durch den Bürgermeister, der dem Solei Boneh für die planmäßige Vollendung des gewaltigen Projektes in bewegten Worten dankte und abschließend bekanntgab, daß Tel Aviv fortan den Beinamen "Das Venedig des Mittleren Ostens" führen würde.
1 Israel dürfte das einzige Land der Welt sein, in das jeder Wahnsinnige einreisen kann. Aber man läßt ihn nie wieder hinaus, damit er dem Land keine Schande macht.
2 Die größte und verkehrsreichste Straßenkreuzung der größten und verkehrsreichsten Stadt des aufstrebenden Staates; entspricht ungefähr dem Times Square in New York während der Stoßstunden.
3 Wörtlich: "Esel." In der Umgangssprache: "Sie sind der größte Idiot, der mir jemals untergekommen ist!"
Wetter




JW Media Player
RokIntroScroller
Kiel vom Rollstuhl aus. Leider nicht im Internet:
"Unterwegs ohne Grenzen e. V."
Flämische Str. 22
24103 Kiel
Tel.: 0431-9795977
Fax.: 0431-9795978
Taxi für Behinderte Menschen in Kiel:
Telefonnummer des ´s in Kiel
Landesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte Bremen e.V. (1996)
Waller Heerstr. 55
28217 Bremen
Tel.: 0421/ 38777-0
Rollstuhlgerechtes, preisgünstiges Hotel
Hotel "Mit Mensch"
Ehrlichstraße 48
10318 Berlin
Tel.: 030/ 509693-0
Fax.: 030/ 509693-55
http://www.mit-mensch.com