Kishon
Besuchszeiten Montag und Donnerstag
Besuchszeiten Montag und Donnerstag
Zu den hervorragenden Nationaleigentümlichkeiten Israels zählt die Disziplin; eine lückenlose, allumfassende Disziplin - und dennoch keine eiserne, wie etwa in den totalitären Staaten, wo man allen Befehlen blind gehorchen muß. Nein, wir obliegen einer Disziplin, die individuell gefärbt ist. Wenn wir m Beispiel eine Telephonzelle mit der Tafel Außer Betrib sehen, so überkommt uns sofort der heftige Wunsch, gerade aus dieser Zelle zu telephonieren, und in neun von zehn Fällen tun wir das auch. Eine Tafel mit der Aufschrift Bitte das Geld sofort nachzählen, spätere Reklamationen werden nicht berücksichtigt veran laßt uns unweigerlich, den betreffenden Schalter sofort zu verlassen, das Geld erst später nachzuzählen und Krach zu schlagen, weil man uns beraubt hat. Wenn allerdings auf einer Tür die Aufschrift Eintritt verboten prangt, dann treten wir wirklich nicht ein. Außer wenn wir unbedingt müssen. Oder um nachzuschauen, was eigentlich hinter der Tür los ist. Oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Damit komme ich allmählich zu meiner Tante Ilka, jener liebenswerten alten Dame, die vor einigen Jahren, als sie gerade mit der Säuberung ihres Fußbodens beschäftigt war, einen leisen Pfiff ausstieß und sich nicht mehr aufrichten konnte. Ihr Meniskus oder etwas dergleichen hatte Schaden genommen, und Tante Ilka mußte ins Spital gebracht werden, wo man sie in der Abteilung 14 unterbrachte.
Kaum untergebracht, trug Tante Ilka der Oberschwester auf, uns alle telephonisch ans Krankenlager zu berufen und uns an ihre, Tante Ilkas, Vorliebe für Käsebrötchen zu erinnern, die vom Spital nur bei schweren Herzattacken verabreicht würden. Der Familienrat entschied, daß ich der richtige Mann für diesen Auftrag sei. Man händigte mir ein Paket mit in Asche gebackenen Käsebroten aus, und bald darauf stand ich vor der doppelten Stacheldrahtumzäunung 1, die das Areal des Krankenhauses umgab.
Das eiserne Tor war geschlossen. Erst nach längerem höflichem Pumpern erschien ein stämmiger Portier und sagte: "Besuchszeiten Montag und Donnerstag nachmittag von 2.45 bis 3.30." "Danke sehr", sagte ich. "Aber jetzt bin ich schon hier." "Lieber Herr", sagte der Türhüter, "es liegt im Interesse der Patienten. Besuche regen sie auf und verzögern den Heilungsprozeß. Stellen Sie sich doch vor, was geschehen würde, wenn wir pausenlos Besuche einließen."
"Sie haben vollkommen recht", sagte ich, "das wäre schrecklich. Und jetzt lassen Sie mich bitte hinein."
"Nein", sagte er. "Ich habe strengen Auftrag. Sie betreten das Gebäude nur über meine Leiche."
"Das möchte ich nicht. Ich möchte zu meiner Tante Ilka."
"Nichts zu machen. Aber um 2 Uhr werde ich abgelöst. Vielleicht haben Sie bei meinem Nachfolger mehr Glück."
Der Mann war nicht nur ein Fanatiker, er war auch noch stolz darauf.
Ich wandte mich ab, Haß im Herzen und zornige Flüche auf den Lippen. "Mögen alle hier vertretenen Krankheiten dich gleichzeitig heimsuchen, du tobsüchtiger Maniake !" duchte ich. "Und wenn du zerspringst: ich komme zu Tante Ilka hinein!"
Etwas später klopfte ich wieder an das Eingangstor, verfiel aber nicht in meinen früheren Fehler, sondern sagte dem neuen Portier:
"Ich bin von der Redaktion der >Jerusalem Post< und soll einen Artikel über Ihr Spital schreiben."
"Einen Augenblick", sagte Torhüter II. "Ich rufe Dr. Gebennehmer."
Dr. Gebennehmer, ein Mann von gewinnenden Umgangsformen, empfing mich auf die netteste Weise und erbot sich sofort, mir das Institut zu zeigen.
"Vielen Dank, Herr Doktor", sagte ich. "Aber ich finde mich lieber selbst zurecht. Das ist die neue Reportertechnik, wissen Sie: unmittelbare Eindrücke sammeln. Machen Sie sich bitte keine Mühe."
"Es macht mir gar keine Mühe. Es ist mir ein Vergnügen." Dr. Gebennehmer schob freundlich seinen Arm unter den meinen. "Außerdem brauchen Sie gewisse fachliche Informationen. Kommen Sie."
Er schleppte mich durch die Abteilungen 11, 12 und 13 und sprach dabei sehr anregend über die Hauptaufgabe der Presse, die seiner Meinung nach darin lag, dem Publikum besseres Verständnis für die Medizin im allgemeinen und für die Gebarung der Krankenhäuser im besonderen beizubringen. Ich folgte seinen Ausführungen mit zustimmendem Nicken und machte mir von Zeit zu Zeit Notizen, etwa des Wortlauts: "Eins bis drei und vier bis sechse, Großmama war eine Hexe" oder etwas Ähnliches, meistens Gereimtes.
Die vorbildliche Ordnung, die in sämtlichen Abteilungen herrschte, wurde nur durch die Unzahl der Besucher ein wenig gestört. Im Durchschnitt saßen zwei komplette Familien an jedem Bett.
"Dabei ist jetzt gar keine Besuchszeit", erklärte Dr. Geben-nehmer. "Ich weiß wirklich nicht, wie alle diese Leute hereingekommen sind."
"Macht nichts, macht nichts", beruhigte ich ihn. Plötzlich klang aus einem der Betten die Stimme einer alten Dame an mein Ohr: "Hallo, Fredi Hast du den Käs mitgebracht?"
Es war eine eher peinliche Situation. Dr. Gebennehmer sah mich mit einem unangenehm fragenden Gesichtsausdruck an. "Schalom, Tante Ilka!" rief ich aus. "Was für ein phantastischer Zufall!"
"Zufall? Hat die Nurse nicht angerufen? Wo ist der Käs?" Ich übergab ihr rasch das Paket und versuchte Dr. Gebennehmer davon zu überzeugen, daß ich immer ein Paket mit Käsebroten bei mir trüge, aber er zuckte nur wortlos die Schultern und ging.
Tante Ilka verzehrte den Inhalt des Pakets in bemerkenswert kurzer Zeit und bestellte für den nächsten Tag eine Ladung Pfefferminzbonbons. Auch Bernhard und Mitzi sollte ich mitbringen. Und natürlich meine Frau. Als ich zaghaft einwarf, daß morgen keine Besuchsstunden wären, deutete Tante Ilka mit einer vielsagenden Geste auf das Gewimmel im Raum und schickte mich nach Hause.
Wir gingen sofort an die Arbeit. Mitzi nähte auf ihrer Maschine kleine weiße Schwesternhauben, dann holte sie von ihrem Friseur drei weiße Kittel, und dann verfertigten wir mit Hilfe zweier Besenstiele eine Tragbahre. Das war alles, was wir brauchten.
Am nächsten Tag brachte uns ein Taxi in die Nähe des Spitals, wo wir unsere Verkleidung anlegten. Meine Frau wurde auf Patrouille geschickt und meldete, daß der tobsüchtige Maniake von gestern, den ich ihr genau beschrieben hatte, jetzt wieder das Tor bewachte. Ich nahm auf der Tragbahre Platz und wurde mit einem weißen Leintuch zugedeckt. Bernhard und Mitzi trugen mich, meine Frau hielt mir die Hand und befeuchtete von Zeit zu Zeit meine fiebrig vertrockneten Lippen. Die Invasion glückte. Der maniakische Bulle fiel auf unseren primitiven Trick herein und ließ uns glatt passieren. Aus Sicherheitsgründen machten wir einen Umweg durch mehrere andere Abteilungen. Gerade als Abteilung 14 in Sicht kam, riß jemand mit derber Hand mein Leintuch zurück: "Sie?!" brüllte Dr. Gebennehmer. "Sind Sie wahnsinnig?"
"Jetzt ist nicht der Augenblick zum Scherzen", sagte ich gepreßt. "Ich sterbe."
"Was ist geschehen?"
"Eine Schlange hat mich gebissen."
Dr. Gebennehmer erbleichte und zog mich persönlich in sein Ordinationszimmer. Gerade daß ich die Pfefferminzbonbons noch an Bernhard weitergeben konnte. "Rasch", flüsterte ich, "und küßt Tante Ilka von mir ..."
Die ändern machten sich aus dem Staub und ließen mich in Dr. Gebennehmers Klauen. Dr. Gebennehmer hantierte bereits an seinen Spritzen und Phiolen herum und kündigte an, daß er mich jetzt mit Curare vollpumpen werde, dem einzigen zuverlässigen Antitoxin gegen Schlangengift. Mir wurde ein wenig unbehaglich zumute. Mehr als das: ich begann mich zu fragen, ob ich mich hier wirklich malträtieren und vielleicht vergiften lassen müsse, nur weil Tante Ilka vor ihrer Operation unbedingt Pfefferminzbonbons lutschen wollte? Ich entschied diese Frage mit Nein, war mit einem Satz aus dem Zimmer draußen, rannte in den Hof und sprang auf einen der Trolleywagen, die den Verkehr zwischen den einzelnen Abteilungen besorgten.
"Los!" zischte ich dem Fahre zu. "Egal wohin! Fahren Sie, fahren Sie!"
In einer entfernt gelegenen Abteilung mischte ich mich unter die Besucher und entkam.
Am Abend stieß ich wieder zu meiner Familie. Tante Ilka, so hörte ich, wäre in bester Verfassung und nur etwas beleidigt, weil ich sie nicht besucht hatte. Sie wünschte sich viele Schweizer Illustrierten. Mitzi schlug vor, einen Schacht unter den Stacheldraht zu graben; aber das hätte mindestens drei Tage in Anspruch genommen, und so lange konnten wir Tante Ilka unmöglich ohne Besuch und ohne Illustrierte lassen. Anderseits konnten wir jetzt keine Kollektivbesuche mehr riskieren, sondern mußten uns mit Einzelaktionen begnügen. Also warf ich mich am nächsten Tag wieder in den Friseurmantel, der am Rücken zugeknöpft wurde, und vollendete meinen Habitus mit einer dicken Brille und einer Zuckerbäckermütze. Am Spitaltor stand wieder der bullige Maniake. Rasch band ich mir ein Taschentuch vors Gesicht, ging in teutonischem Stechschritt an ihm vorbei2 und ließ ein scharfes "Jawoll" hören, worauf er die Hacken zusammenschlug. Ich stelzte inspizierend durch die Abteilungen 11 und 12 und näherte mich der Abteilung 13, als ich mich am Arm gepackt fühlte. "Gott sei Dank, daß Sie hier sind, Herr Professor! Kommen Sie schnell! Eine dringende Operation ..."
"Bedaure, Dr. Gebennehmer", murmelte ich hinter meiner Maske hervor, "ich bin außer Dienst."
"Aber es ist ein dringender Fall, Herr Professor!" Dr. Gebennehmer zerrte mich in den Operationssaal, und ehe ich wußte, wie mir geschah, hatte ich mir die Hände gewaschen und stand unter den Scheinwerfern. Da wurde auch schon das Bett mit dem Patienten hereingerollt.
"Hast du die Schweizer Illustrierten mitgebracht?" fragte Tante Ilka.
"Sie halluziniert bereits", sagte Dr. Gebennehmer und versetzte Tante Ilka eilig in den Zustand der Bewußtlosigkeit. Auch ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Schließlich hatte ich noch nie einen Meniskus operiert, schon gar nicht an meiner eigenen Tante.
Als die Operationsschwester mich fragte, ob ich ein kleines oder großes Skalpell wünsche, wandte ich mich in plötzlichem Entschluß zu Dr. Gebennehmer:
"Bitte übernehmen Sie."
Dr. Gebennehmer errötete vor Stolz und Freude. Es war das erstemal, daß ein Professor ihm freie Hand für eine Operation ließ, und er begann sofort Tante Ilkas Knie aufzuschneiden.
Das Gefühl, das dabei in mir hochstieg, glich jenem, mit dem ich gelegentlich in unserer Küche das Tranchieren von Hühnerschenkeln beobachtete, obwohl ich sie dann ganz gern esse, am liebsten mit Gurkensalat.
"Entschuldigen Sie", sagte ich mühsam und verließ ein wenig taumelnd den Operationssaal. Draußen nahm ich sofort die Maske ab, um Atem zu holen. In diesem Augenblick kam der maniakische Portier vorbei, klopfte mir freundlich auf die Schulter und sagte:
"Sehen Sie - heute können Sie Ihre kranke Tante besuchen!" Ich hatte vollkommen übersehen, daß es Donnerstag war und kurz nach 2 Uhr. Eigentlich hätte mir das auffallen müsser. Es war nämlich kein einziger Besucher im ganzen Spital.
1 Auch das ist eine Erbschaft aus der Mandatszeit. Zum Schutz gegen Überfälle jüdischer Terroristen ließ die britische Verwaltung um alle öffentlichen Gebäude von einiger Wichtigkeit enorme Stacheldrahtverhaue legen, und die israelische Regierung hält das aus purer Trägheit aufrecht.
2 Fast alle unsere Ärzte sind deutsche Juden. Wenn man auf der Straße jemanden Deutsch sprechen hört, ist die Anrede "Herr Doktor" fast immer am Platz.
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